John Glushik: | Tim, 2024 hat HG Ventures in INERATEC investiert, nachdem wir das enorme Potenzial von nachhaltigen Flugkraftstoffen und anderen e-Fuels erkannt haben. Aber für diejenigen, die mit diesem Sektor nicht vertraut sind, könntest du uns auf den neuesten Stand bringen. Wo stehen e-Fuels in der Energiewende und warum sind sie gerade jetzt so wichtig? |
Tim Boeltken: | Viele Menschen verstehen unter Energiewende „Elektrifizierung“. Doch die eigentliche Herausforderung besteht nicht allein darin, so viel wie möglich zu elektrifizieren, sondern fossile Brennstoffe vollständig aus dem System zu entfernen. Genau das verstehen wir unter ‘Defossilisierung ‘. Die Welt besteht aus Molekülen, die wir nicht alle elektrifizieren können. Hier kommen e-Fuels und synthetische Kraftstoffe ins Spiel. Die Luftfahrt ist der offensichtlichste Bereich. Zusätzlich betrachten wir auch die Schifffahrt, den Straßenverkehr und die chemische Industrie. Die Vision, die das INERTAEC-Team täglich antreibt? Dass jeder Liter, jede Tonne Kraftstoff, die wir produzieren, dafür sorgt, dass fossile Brennstoffe unter der Erde bleiben. |
John: | Das ist ein sehr großes Ziel, das ihr euch gesteckt habt. Lasst uns zu den Anfängen zurückkehren: Wie kam es zur Gründung von INERATEC und welches Problem wolltet ihr mit der Gründung des Unternehmens lösen? |
Tim: | INERATEC wurde 2016 als Spin-off aus dem Karlsruher Institut für Technologie, einer der führenden europäischen Universitäten im Bereich Chemieingenieurwesen, gegründet. Unsere Kerntechnologie – kompakte, mikrostrukturierte Reaktoren – wurde bereits über zwei Jahrzehnte lang vor der Gründung des Unternehmens erforscht und entwickelt. Während unserer Promotionen sagten uns unsere Finanzierungspartner im Grunde genommen: „Ihr könnt nicht ewig in der Forschung und Entwicklung bleiben. Ihr müsst diese Technologie in den Markt bringen.“ Und das haben wir getan. Was uns überrascht: Wie schnell der Markt reagierte. Innerhalb des ersten Jahres verkauften wir unsere erste Anlage an einen Kunden in Finnland. Wir wussten damals noch nicht einmal, wie man eine Rechnung verschickt! Von Anfang an ging es nicht darum, Investoren die beste Geschichte zu erzählen. Wir konzentrierten uns darauf, wo der Markt stand, wie wir die Technologie in die Realität umsetzen und wie wir frühzeitig Kunden als Referenzen gewinnen konnten. |
John: | Etwas, das uns schon früh aufgefallen ist, war eurer modularer Ansatz. Könntest du erklären, weshalb dieser so wichtig ist? |
Tim: | Schaut man sich die erneuerbaren Energien der letzten 30 Jahre an, ist alles modular aufgebaut: Sonnenkollektoren, Windkraftanlagen, Batterien, Elektrolyseure. Chemische Anlagen hingegen sehen noch genauso aus wie vor 100 Jahren. Wir nutzen bekannte chemische Reaktionen, überdenken jedoch deren Umsetzung. Durch die Effizienzsteigerung dieser Reaktionen in kompakten, modularen Systemen erzielen wir eine deutlich kürzere Bauzeit und eine schrittweise Skalierbarkeit. Es geht nicht darum, was mit 20 Milliarden Euro in zehn Jahren möglich wäre. Es geht darum, was wir jetzt aufbauen können, wie wir uns jetzt verbessern können und wie wir Anlagen ins Feld bringen können. |
John: | Ja, und wenn wir schon von “Anlagen im Feld“ sprechen, lass uns einmal über die ERA ONE-Anlage sprechen. Was bedeutet sie für INERATEC und für die Industrie? |
Tim: | ERA ONE ist unsere erste Produktionsanlage im kommerziellen Maßstab und ein bedeutender Meilenstein. Von der Entwicklung bis zur Inbetriebnahme dauerte es etwas mehr als zwei Jahre. In der chemischen Industrie ist das extrem schnell. Wir haben im Juni 2025 mit dem Betrieb der ersten Module begonnen und kurz darauf unser erstes Produkt ausgeliefert. Das ist der Beweis. Die Menschen wollen laufende Anlagen sehen, keine Hochglanzfolien. Wir haben ERA ONE gebaut, um die Technologie zu demonstrieren und Risiken zu minimieren. Auch wenn wir von unserem modularen Ansatz überzeugt sind, handelt es sich um eine konservative Branche. Daher ist es wichtig, eine Anlage über einen längeren Zeitraum im Betrieb zu erleben. Dieses Ziel haben wir nun erreicht. In Zukunft wollen wir in möglichst viele Projekte expandieren, entweder als Produzent, Kerninvestor oder als globaler OEM-Lieferant unserer Technologie. |
John: | Ihr habt euch dafür entschieden, beim Bau von ERA ONE nicht auf einen einzigen EPC-Anbieter (Ingenieur-, Beschaffungs- und Bauunternehmer) zu setzen. Welche Erkenntnisse habt ihr aus dieser Entscheidung gewonnen? |
Tim: | Sehr viele! Wir haben uns gegen die Beauftragung eines großen EPC-Unternehmens entschieden, da unsere Technologie sehr innovativ ist und wir keine Zeit damit verbringen wollten, jemand anderen über den gesamten Umfang unserer Aktivitäten und Besonderheiten aufzuklären. Damit wurde die Umsetzung komplexer. Das Vertragsmanagement und die Baustellenverwaltung gestalteten sich schwieriger, und wir mussten interne Kompetenzen aufbauen, die wir vorher nicht hatten. Doch die Vorteile sind enorm. Heute bieten wir nicht nur die Technologie, sondern auch die Erfahrung in der Umsetzung. Und das ist ein echtes Alleinstellungsmerkmal, wenn Partner mit größeren Projekten zu uns kommen. |
John: | Welchen Rat würden Sie anderen Gründern geben, die hardware- und infrastrukturintensive Unternehmen aufbauen? |
Tim: | Ein großes Thema ist das Insourcing im Vergleich zum Outsourcing. Durch Outsourcing lassen sich Kosten einsparen, jedoch geht häufig die Kontrolle über die Qualität verloren. Indem wir kritische Schritte wie Elektrotechnik und Reaktorfertigung insourcen, behalten wir die Kontrolle. Wenn es in Frankfurt zu Verzögerungen kam, lag das fast immer an Drittanbietern. Wenn ERA ONE in puncto Qualität versagt hätte, wäre das inakzeptabel gewesen. Die Beibehaltung wichtiger Kompetenzen im eigenen Haus gab uns Sicherheit. Und man muss auf Unsicherheiten vorbereitet sein, die auftauchen, während man die Pläne umsetzt. Es wird immer jemanden geben, der ständig Entscheidungen in Frage stellt. Deshalb ist es so wichtig, Investoren zu haben, die an deiner Seite stehen. |
John: | Das bringt uns zum Thema Partnerschaften. Was erwartest du von Investoren und Vorstandsmitgliedern? |
Tim: | Strategische Ausrichtung und Verständnis der Technologie, nicht nur des Marktes. Unterschiedliche Perspektiven sind wichtig, aber es braucht Personen, die verstehen, wie diese Branchen tatsächlich funktionieren. Mit HG Ventures pflegen wir eine vertrauensvoll,respektvolle Beziehung. Die Diskussionen können sehr direkt sein, aber das ist gut so, denn es ist ein Zeichen für eine starke Partnerschaft. Und von solchen lernen wir am meisten. Die Unternehmensführung war für uns ebenfalls eine Lernkurve, insbesondere da wir aus einer deutschen GmbH-Struktur hervorgegangen sind. Sobald wir jedoch strategische Diskussionen auf Vorstandsebene eingeführt hatten, wurde das zu einer Stärke. Durch die Struktur haben wir Klarheit, Abstimmung und gemeinsame Verantwortung geschaffen. |
John: | Blicken wir in die Zukunft: Wo siehst du INERATEC in fünf bis zehn Jahren? |
Tim: | Wir wollen weltweit der führende Hersteller von e-Fuels und synthetischen Kraftstoffen sein, in einem Markt, der viel größer ist als heute. Der Klimawandel verschwindet nicht, aber wir sehen auch eine starke Nachfrage, die vor allem in Europa durch Energieunabhängigkeit und -sicherheit angetrieben wird. Das Interesse wächst nicht nur bei Fluggesellschaften und Chemieunternehmen, sondern auch bei Akteuren aus den Bereichen Verteidigung und Infrastruktur. Wir haben nicht nur eine Chance – wir haben mehrere. Mit jeder Anlage, die wir bauen, stärken wir unsere Position. Das nächste Projekt wird deutlich größer sein als ERA ONE. Es wird mehr Kapital, ein größeres Team und neue, starke Partnerschaften erfordern. Aber wir sind heiß darauf, das Ganze noch einmal zu machen – und diesmal noch größer. |